Reizdarm oder exokrine Pankreasinsuffizienz?

Die Symptome des Reizdarmsyndroms sind sehr unspezifisch und können auch durch eine Vielzahl anderer organischer Erkrankungen ausgelöst werden, beispielsweise durch eine exokrine Pankreasinsuffizienz. Aufgrund sehr ähnlicher Symptome kann die Abgrenzung schwierig sein. Tipps zur differentialdiagnostischen Herangehensweise finden Sie hier. 

Wiederkehrende Durchfälle – wirklich ein Reizdarmsyndrom?

Für die Diagnose des Reizdarmsyndroms (RDS), das als funktionelle Störung definiert ist, gibt es keine eindeutigen organischen Befunde. Vielmehr handelt es sich um eine Ausschlussdiagnose, bei der die Anamnese und Symptomerhebung eine entscheidende Rolle spielen. Doch die typischen Beschwerden – Diarrhoe, Schmerz, Obstipation, Blähungen/Distension – sind allesamt eher unspezifisch und können auch durch eine Vielzahl anderer Erkrankungen begründet sein. Gerade wenn wiederkehrende Durchfälle vorherrschen, ist die Liste möglicher Differentialdiagnosen lang. Eine Option ist beispielsweise die exokrine Pankreasinsuffizienz (EPI), deren Symptome denen des RDS sehr ähnlich sein können.1

Beschwerdebild: Schlüsselbefund Steatorrhoe

Wie auch beim RDS können bei der EPI unspezifische abdominelle Symptome dominieren, gerade dann, wenn die exokrine Funktion nur moderat reduziert ist: Oberbauchschmerzen, Diarrhoe, postprandiale Stuhlgänge sowie Blähungen/Blähbauch treten bei beiden Erkrankungen auf.2,3 Doch es gibt auch Merkmale, insbesondere bei fortschreitender exokriner Insuffizienz, die bei der Differenzierung hilfreich sein können:

  • Steatorrhoe ist das Leitsymptom einer EPI, das sich jedoch erst bei einem Funktionsausfall des Pankreas von etwa 90 % manifestiert.4 Bei einem RDS kommt es dagegen eher zu breiigen/wässrigen Durchfällen, Fettstühle sind nicht typisch.2
  • Gewichtsverlust gilt bei Verdacht auf ein RDS als Alarmsymptom, das abgeklärt werden muss und auf eine andere zugrundeliegende Erkrankung hindeutet. Bei einer EPI kann es hingegen zu einem durch die unvollständige Verdauung und Malabsorption bedingten Gewichtsverlust kommen.2
  • Verschlimmerung unter Stress/seelischen Belastungen:  Liegt ein RDS vor, kommt es unter Stress oder seelischen Belastungen meist zu einer Verschlimmerung der Symptome.2,5
  • Obstipation und wechselnde Stuhlbeschaffenheit sind Symptome, die bei einem RDS auftreten, nicht aber bei einer EPI.2

Typische Symptome beider Erkrankungen finden Sie in Tabelle 1 zusammengefasst.

Tabelle 1: Typische Symptome einer EPI bzw. eines RDS (modifiziert nach [2, 5-8])

 Wie diagnostisch vorgehen?

Anhand des Beschwerdebilds lässt sich lediglich eine Verdachtsdiagnose für das RDS ableiten. Die Diagnosesicherung erfordert einen gezielten, symptomabhängigen Ausschluss relevanter Differentialdiagnosen. Dabei gilt eine Basisdiagnostik als obligat, in der weiterführenden Diagnostik werden gezielt Untersuchungen in Abhängigkeit von der Hauptsymptomatik durchgeführt. Dazu gehört auch die Erfassung von Pankreasenzymen, um eine EPI auszuschließen bzw. zu bestätigen.2,5

Leitlinienempfehlung: Diagnostik des RDS (nach 5)
Basisdiagnostik:
  • Anamnese
  • körperliche Untersuchung ergänzt durch Basislabor (Blutbild, Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG)/C-reaktives Protein (CRP), Urinstatus)
  • Abdomensonographie
  • gynäkologische Untersuchung
  • bei chronischer Diarrhoe zusätzlich Erregerdiagnostik im Stuhl sowie endoskopische (mit Stufenbiopsien) und funktionsdiagnostische Untersuchungen
Individuell optionale Laboruntersuchungen:
  • Serum-Elektrolyte, Nierenretentionswerte, Leber- und Pankreasenzyme
  • Thyroidea-stimulierendes Hormon (TSH)
  • Blutzucker/HbA1c
  • Stuhl-Mikrobiologie (vor allem bei Diarrhoe)
  • Zöliakie-Antikörper (Transglutaminase-Antikörper)
  • Calprotectin A/Lactoferrin im Stuhl

Reizdarm: Wie häufig wird die falsche Diagnose gestellt?

Prinzipiell kann es bei dieser unspezifischen Symptomatik schwierig sein zu entscheiden, welche Patienten von weiterführenden diagnostischen Maßnahmen profitieren. Eine Überdiagnostik beim Verdacht auf das RDS sollte gemäß der Leitlinie vermieden werden, um den undifferenzierten Einsatz von Methoden und Ressourcen einzusparen.5,9 Gleichzeitig können durch den sparsamen Einsatz diagnostischer Maßnahmen andere zugrunde liegende Erkrankungen übersehen und fälschlicherweise die Diagnose RDS gestellt werden. Dass es bei Durchfällen als vorherrschendes Symptom durchaus sinnvoll sein kann, auf eine EPI zu testen, zeigt eine Studie mit 314 Probanden, die anhand der Rom II-Kriterien dem Diarrhoe-dominanten RDS-Typ zugeordnet wurden. Bei 6,1 % dieser Patienten stellte sich durch Messung der fäkalen Elastase-1 heraus, dass eigentlich eine EPI für ihre Symptome verantwortlich war (fäkale Elastase-1 < 100 µg/g). Dementsprechend besserten sich durch eine Enzymsubstitution Stuhlhäufigkeit, Konsistenz und Bauchschmerzen bei diesen Patienten signifikant. Patienten, die keine erniedrigten Elastase-1-Werte hatten, profitierten dagegen nicht von der Enzymsubstitution.9

Bereits in der Anamnese können bestimmte Vorerkrankungen erfasst werden, die auf ein erhöhtes Risiko für eine EPI hindeuten. Welche das sind, erfahren Sie im Beitrag „Exokrine Pankreasinsuffizienz: Diese Ursachen sollten Sie kennen“.

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Offene Frage:

Was sind Ihre Hürden bei der Differentialdiagnose von Reizdarmsyndrom und exokriner Pankreasinsuffizienz? Schreiben Sie uns gerne an info(at)pankreatan.de.

Quellen:

  1. Andresen V et al. Reizdarmsyndrom – die wichtigsten Empfehlungen. Deutsches Ärzteblatt 2011;44:751-60.
  2. Andresen V et al. Reizdarmsyndrom – eine Krankheit. Gastroenterologie up2date 2018;14(3):283-92.
  3. Keller J et al. Substitution von Pankreasenzymen. Pharmakon 2019;6:422-426.
  4. Hoffmeister A et al. S3-Leitlinie Chronische Pankreatitis: Definition, Ätiologie, Diagnostik, konservative, interventionell endoskopische und operative Therapie der chronischen Pankreatitis. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). Z Gastroenterol 2012;50:1176-1224.
  5. Layer P et al. S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM). Z Gastroenterol 2011;49:237-93.
  6. Mössner J et al. Therapie mit Pankreasenzymen. Deutsches Ärzteblatt 2011; 108:578-582.
  7. Stang K. Exokrine Pankreasinsuffizienz oder Reizdarm? TEB e. V. Selbsthilfe und Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse; unter: http://www.bauchspeicheldruese-info.de/exokrine-pankreasinsuffizienz-oder-reizdarm (abgerufen am 28.01.2020).
  8. Schmiedel V. Exokrine Pankreasinsuffizienz. Erfahrungsheilkunde, Georg Thieme Verlag KG, 2015.
  9. Leeds JS et al. Some patients with irritable bowel syndrome may have exocrine pancreatic insufficiency. Clin Gastroenterol Hepatol 2010;8(5):433-8.

Die Veröffentlichungen beziehen sich nicht namentlich auf die hier beworbenen Produkte.

Pflichtangaben für Fachkreise: Pankreatan® 10.000 / 25.000 / 36.000 / Pankreatan® 20.000 Ph.Eur.-Einheiten / Pankreatin 40.000 Nordmark®

Wirkst.: Pankreas-Pulver vom Schwein. Zusammens.: Pankreatan 10.000 / 20.000 / 25.000 / 36.000 / Pankreatin 40.000 Nordmark – 1 magensaftresistente Hartkapsel enthält 97,6 / 195,2 / 244 / 303,5 / 319,05–414,35 mg Pankreas-Pulver vom Schwein (Lipaseaktivität 10.000 / 20.000 / 25.000 / 36.000 / 40.000 Ph.Eur.-Einh., Amylaseaktivität mind. 7.500 / 15.000 / 18.750 / 22.000 / 25.000 Ph.Eur.-Einh., Proteaseaktivität mind. 450 / 900 / 1.125 / 1.200 / 1.500 Ph.Eur.-Einh.). Sonst. Bestandt.: Pankreatan 10.000 / 20.000 / 25.000 / 36.000  – Crospovidon, mikrokristalline Cellulose, hochdisperses Siliciumdioxid, Magnesiumstearat (Ph.Eur.), Methacrylsäure-Ethylacrylat-Copolymer (1:1) Dispersion 30 % (Ph.Eur.), Polysorbat 80, Wasser, Triethylcitrat, Talkum, Simeticon Emulsion (Simeticon / Methylcellulose / Sorbinsäure (Ph.Eur.) / Wasser), Montanglycolwachs, Gelatine, Titandioxid (E171), Eisenoxide und -hydroxide (E 172) [Eisenoxide nicht in Pankreatan 20.000], Natriumdodecylsulfat. Pankreatin 40.000 Nordmark – Gelatine, Methacrylsäure-Ethylacrylat-Copolymer (1:1) Dispersion 30% (Ph.Eur.), Simeticon Emulsion (Simeticon, Methylcellulose, Sorbinsäure (Ph.Eur.), Wasser), Talkum, Triethylcitrat, Titandioxid (E 171), Eisenoxide und -hydroxide (E 172), Natriumdodecylsulfat. Anw.: Störungen der exokrinen Pankreasfunktion, die mit einer Maldigestion einhergehen. Bei Kindern, Jugendlichen u. Erwachsenen. Gegenanz.: Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile. Nebenw.: Sehr häufig: Bauchschmerzen. Häufig: Übelkeit, Erbrechen, Obstipation, Diarrhoe, Völlegefühl/Blähungen. Gelegentlich: Ausschlag. Häufigkeit n. bekannt: Strikturen der Ileozökalregion und des Dickdarms (fibrosierende Kolonpathie), Pruritus, Urtikaria, Überempfindlichkeit, anaphylaktische Reaktionen. Weitere Hinweise siehe Fachinformation. Stand: Februar 2021.

Nordmark Pharma GmbH, Pinnauallee 4, 25436 Uetersen.
Mitvertrieb: Nordix Pharma Vertrieb GmbH, Pinnauallee 4, 25436 Uetersen.
Ein Unternehmen der Nordmark-Gruppe

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